Nach drei gemeinsamen Tagen Chaos-Kampala fuhren wir am Freitag, den 01.01.2010, los in Richtung Nordosten. Unser Ziel war Budwege (in der Nähe von Iganga gelegen), das Felix schon bei einer Hochzeit als einen wunderschön ruhigen Ort kennengelernt hatte. Genau das Richtige um vor unserer Akklimatisationstour auf den Mt. Elgon noch einmal Kraft zu tanken. Nach drei Stunden Sardinen-Dasein im Taxibus mit Gockel zwischen den Füßen waren die letzten paar Kilometer auf den Boda-Bodas richtig befreiend.

In Budwege, unter der Schirmherrschaft des Muze Costantin, des Großvaters, lernten dann auch Benni und Francis die afrikanische Gastfreundschaft richtig kennen. Am Samstag machten wir einen kleinen Ausflug zur Rinderweide von Costantin. Unterwegs lernten wir die lokalen Feldfrüchte kennen. Cassava und Matooke (Kochbanane) bilden die Hauptgrundlage für viele Mahlzeiten. Daneben findet man in der ugandischen Küche verschiedene Hirsearten (für Porridge, aber auch als Futtermittel), Kartoffeln, Bohnen, Dodoo (eine Art Spinat), süße Bananen, Guaven, Avocados, Jackfruit, kleine Chilischoten, Kakao und Kaffee. Nach Besuch der Schweinezucht und der Familiengräber spielten wir Frisbee mit den Kindern. Nach einem alles lähmenden Regenguss am Nachmittag versuchte Felix noch sich in einem Fußballspiel einzubringen, doch kaum war das Spiel angepfiffen war dieses schon nach 15 Minuten wieder vorbei, da es bereits zu dunkel war. Am Sonntag nahm uns dann Ivan (Onkel, Cousin, da verliert man schnell den Überblick bei der Menge an Personen) mit nach Iganga, von wo wir mit einem Bus weiter nach Mbale fuhren. Dort holte uns jemand ab und wir fuhren weiter nach Budadiri, wo wir im Büro der Uganda Wildlife Authority alles notwendige erledigten.

Der Vulkan Mt. Elgon befindet sich im Osten von Uganda, an der Grenze zwischen Uganda und Kenya. Mit einer Grundfläche von 4000km² gilt er als der größte Vulkan weltweit. Das erste Mal ist er vor etwa 20 Millionen Jahren ausgebrochen, zu einer Zeit als der Mt. Elgon noch höher gewesen war als der Kilimanjaro (5895m) heute. Der Berg ist mittlerweile erloschen, die Spitze in eine Caldera eingebrochen, und die Erosion hat ihn über die Jahre auf 4321m schrumpfen lassen. Damit ist er der 7. höchste „Berg“ auf dem afrikanischen Kontinent und spielt für Ugander und Kenyaner eine wichtige Rolle, was das Trinkwasser angeht. Denn in den Wäldern am Mt. Elgon fallen im Jahresdurchschnitt 3000mm Regen, wodurch viele Menschen mit Wasser versorgt werden.

Die Tour auf den Mt. Elgon war für uns die Vorbereitung für die anschließende Besteigung der Margherita Spitze (5109m) im Rwenzori-Gebirges. Wir wollten uns an die Höhe gewöhnen und vor allem fit werden. Denn Benni und Francis hatten den Großteil der letzten Monate in der Uni verbracht und Felix war außer Fußballspielen auch nicht wirklich sportlich aktiv gewesen.

Am Montag, den 03.01.10, ging es für uns dann los. Der Plan sah so aus. In nur zwei Tagen wollten wir auf dem Sasa-Trail von ca. 1200m bis auf den höchsten Gipfel des Mt. Elgon (Wagagai Summit, 4321m) aufsteigen und dann in zwei weiteren Tagen wieder komplett, allerdings auf einem anderen und längeren Weg, absteigen.

Der erste Tag hatte es gleich mal in sich. Nachdem wir Isaiah und Richard, die beiden UWA-Ranger, und Alex, unseren Essen- und Zeltträger, getroffen hatten und wir die ersten 500 Höhenmeter mit dem Boda zurückgelegt hatten, lagen noch weitere 1800 Höhenmeter vor uns. Diese mussten wir dann ab Bumasola, einem kleinen Bergdorf mit schnell dahinschreitenden Bewohnern, zu Fuss und mit schwerem Gepäck hinter uns bringen. Zuerst führte uns der Weg durch stark landwirtschaftlich genutztes Land. An den steilen Hängen pflanzen die Bewohner Bananen, Cassava, Zwiebeln, Kohl, Bohnen, Mais, Kartoffeln, Kaffee und noch viele andere Sachen an. Die „Muzungu“ und „Jambo“-Schreie (Jambo bedeutet Hallo in Swahili), der vielen am Wegesrand stehenden Kinder begleiteten uns bis zur "Wall of Death", die auch gleichzeitig die Nationalparkgrenze darstellt. Den Namen "Wall of Death" hat die Felsklippen daher, da dort früher viele Männer gestorben waren, die versucht hatten sich mit natürlichen Materialien (Lianen, Seile aus Bananenfasern) von oben abzuseilen, wobei oftmals das instabile Seil riss. Nur bis zur Parkgrenze dürfen die Bergbewohner ihre Felder bestellen. Im Park dürfen sie nur noch Bambus fällen, was dann zum Bau von Hütten und Wasserleitungen verwendet wird, sowie einige Blätter und Wurzeln für medizinische Zwecke sammeln. Alle anderen Pflanzen Park, sowie Tiere, dürfen die Bewohner nicht anrühren, es ist strengstens verboten und wird mit Geldbußen oder sogar Freiheitsstrafen geahndet.

Wir durchstiegen diese Wand ohne irgendwelche größere Anstrengungen oder Gefahren über Leitern und abgesichert durch Geländer und drangen danach in einen bezaubernden Wald ein, der in den nächsten Stunden immer dichter wurde. Der Weg führte unter mächtigen und mit Flechten bewachsenen Bäumen entlang, vorbei an wunderschönen Blumen und über klare Bergbäche, dessen Wasser wir nach der Verwendung von Micropur auch problemlos trinken konnten (im Gegensatz zu den Bächen und Flüssen im Rest des Landes). Im Wald sahen wir auch eine Gruppe von Blue Monkeys (Meerkatzen) und konnten oft deren Geschrei hören.

Nachdem wir im Sasa River Camp (2900m) eine längere Pause eingelegt hatten, stiegen wir frisch gestärkt durch die Bambuswald-Zone weiter bergan. Die großen Bäume verschwanden zunehmend und dichter Bambuswald begleitete uns während der nächsten Zeit. Außerdem sahen wir vermehrt den „Old-man’s-beard“, eine Flechtenart, die auf den Bäumen wächst, und die Everlasting Flowers (Strohblumen), das ganze Jahr über blühende Blumen.

Als wir dann auch irgendwann den Bambuswald hinter uns gelassen hatten und die Vegetation zum Großteil aus verkrüppelten Büschen/Bäumen bestand, konnten wir bald in der Ferne das Mude Cave Camp (3500m) erkennen, der Endpunkt unserer heutigen Etappe. In der verrauchten Hütte der Guides gab es dann erstmal einen stärkenden Tee und anschließend etwas zu essen. Höhepunkt war dabei der Bergkäse aus dem Bregenzerwald, den die Jungs aus Deutschland mitgebracht hatten.
Bei strahlendem Sonnenschein machten wir uns am nächsten Morgen früh auf, Gipfeltag! Die Vegetation hatte sich mal wieder komplett geändert und wir liefen am heutigen Tag durch die Heide- und Moorzone. Sie bestand zum Großteil aus Senezien und einigen verkrüppelten Büschen/Bäumen. Hier und da konnten wir die Everlasting Flowers entdecken und ohne größeres Gepäck, das hatten wir im Camp gelassen, erreichten wir bald den Jackson Pool, höchstgelegene Wasserquelle am Berg. Danach ging es zu einem Pass, von dem aus wir zum ersten Mal die Wagagai Spitze sehen konnten.

Ohne irgendwelche Klettereien oder größere Schwierigkeiten ging es für uns weiter bis zum Gipfel, allein die Höhe machte sich durch leichtes Kopfdrücken bemerkbar. Als wir dann die Wagagai Spitze (4321m) erreichten waren wir sehr froh, es schon mal bis hier geschafft zu haben. Uns war aber auch klar, dass die Margherita Spitze nochmal ungefähr 800m höher war und es nicht so einfach werden würde wie am Mt. Elgon. Nach einer absolut traumhaften Pistazienschokolade, (oh war die gut - ein Dank an die Eltern von Felix), dem Anbringen der Gebetsfahnen aus dem fernen Sikkim und einer kleinen Runde Frisbee machten wir uns bei einsetzendem Graupel wieder auf den Weg zurück zum Mude Cave Camp. Isaiah, der für solche kalte Verhältnisse nicht die passende Ausrüstung hatte, bekam von uns warme Columbia-Jacken und lief strahlend voran. Der Regen wurde immer stärker und kurz vor dem Jackson Pool entdeckten wir einen toten Affen, der nur knapp 5m abseits des Weges lag, in einer für seine Verhältnisse völlig untypischen Umgebung. Isaiah, unser Bergführer, erklärte uns, dass es sich bei dem Affen um einen nur 4-fingrigen schwarz-weißen Colobus-Affen handelte, der eigentlich im Wald zu Hause ist und nicht im offenen Heiden- und Moorland. Der Grund, dass wir den Affen hier entdeckten, waren die Wilderer. Isaiah erklärte uns zwei verschiedene Varianten, wie der Affe hier gelandet sein konnte. Entweder hatten die Wilderer den Affen aus dem Wald getrieben und er war hier vor Erschöpfung oder aufgrund der kälteren Temperaturen gestorben oder sie hatten ihn bereits im Wald getötet und mussten ihn auf der Flucht vor der mobilen Einsatztruppe der UWA hier zurücklassen. Isaiah erzählte uns am Abend eine Geschichte dazu...

Colobus - Schwarzweißer Affe mit nur vier Fingern

Der Colobus (auf deutsch auch Stummelaffe) ist bei den Wilderern deshalb so beliebt, weil er wichtiges Bestandteil einer Zeremonie, um nicht zu sagen, der Zeremonie schlechthin in der Kultur der am Berg Elgon angesiedelten Völker ist. Die Circumcision, zu deutsch: Beschneidung. Sie wird gewöhnlich im Rahmen eines Festes im Dezember an Jungen im Alter von 12 bis 18 Jahren durchgeführt, die sich im Vornherein dazu bereit erklärt haben. Auch im restlichen Uganda ist die Beschneidung durchaus üblich, nicht nur im muslimisch gläubigen Teil der Bevölkerung. Allerdings wird sie, um größere Schmerzen zu vermeiden, meist schon kurz nach der Geburt in einem Krankenhaus durchgeführt.

Doch zurück zu den Geschehnissen an den Abhängen das Mt. Elgon. Wenn ein Junge ins beschneidungsfähige Alter kommt bietet ihm ein Onkel eine Bambusfackel an. Der Onkel fragt den Jungen, ob er bereit ist die Schmerzen zu ertragen die mit der Beschneidung einhergehen. Nimmt der Junge die Fackel an wird er an der nächsten Zeremonie teilnehmen, und zwar ohne Schmerzensschreie. Selbstverständlich kann man auch ablehnen, damit verschiebt man das ganze um einige Zeit. Denn alle Jahre wieder wird der Onkel sein Angebot machen. Schlägt jemand die Bambusfackel bis zum 18ten Lebensjahr aus wird er dann zwangsbeschnitten, allerdings nicht im Rahmen einer Zeremonie sonder im Krankenhaus vom Chirurgen.

Die Jugendlichen, die sich für die Beschneidung bereit erklärt haben tanzen und singen komplett nackt im Rahmen eines großen Festes, umringt von einer großen Menschenmenge. Nur ihre Köpfe sind geschmückt, mit dem schwarz-weißen Fell eines Colobus-Affen. Alle sind nicht wiederzuerkennen, singen in fremden Sprachen, tanzen in Ekstase. Es passieren viele verrückte Sachen. Die ganze Prozession bewegt sich dabei auf eine Reihe von Steinen zu, für jeden der jugendlichen Tänzer einen. Dort soll die Beschneidung stattfinden, deshalb sträuben sie sich nach Kräften dorthin zu gelangen. Die Frauen und Mädchen feuern sie dazu immer wieder an, auch mit Geldgeschenken, doch sie singen, dass sie noch nicht wollen, es ist ein großes hin und her.

Wenn sie schließlich hinter den Steinen angelangt sind, wird ihnen vom Beschneider die überstehende Vorhaut abgeschnitten. Diese wird dann von den Stammesältesten unter dem Stein zerrieben. Anschließend schneidet der Beschneider die Vorhaut noch sauber rundherum ab, wobei sich die Beschnittenen die Schmerzen nicht anmerken lassen. Das wäre fatal, denn Schmerzensschreie würden ihn als jemanden fremden Blutes entlarven und er würde auf der Stelle hingerichtet bzw. von der Familie verstoßen. Bringen die Jungen die Beschneidung ohne Schreien hinter sich gehören sie nun zu den Erwachsenen.

Inzwischen ist der Fortschritt auch in Uganda angekommen, so dass für jeden zu Beschneidenden ein eigenes Messer zu Verfügung steht. Vor einigen Jahren wurde auch noch Beschneidungen an Frauen durchgeführt, was vom Parlament in Kampala aber inzwischen verboten wurde (was aber viele Familien nicht daran hindert, es trotzdem im Geheimen noch durchzuführen).

Die Wilderer hatten in der Vergangenheit den Großteil des Tierbestandes im Mt. Elgon Nationalpark soweit ausgerottet bzw. vertrieben, dass wir während unserer Besteigung kaum Tiere sahen. Früher gab es hier in größeren Zahlen Elefanten, Büffel, Leoparden, Hyänen und noch viele andere Tiere. Wir bekamen sie leider nicht zu Gesicht. Das einzige was man öfters sehen konnte waren Vögel, von denen es hier ca. 300 verschiedene Arten geben soll. Und direkt unter dem Gipfel scheuchten wir eine Bergantilope auf.

Und nach diesen Informationen wurde uns auch klar warum Isaiah und Richard bewaffnet waren. Sie hatten uns im Vorhinein erklärt, die vielen wilden Tiere seien der Grund für die Waffen. Doch da kaum noch Tiere im Park leben konnte das nicht der Hauptgrund sein. Vielmehr steht die Bekämpfung der Wilderer für die Uganda Wildlife Authority an erster Stelle. Und da sind sie anscheinend auch ganz erfolgreich. Die Tierbestände sollen sich immer weiter erholen und viele Tiere kehren aus dem angrenzenden Kenya zurück.

Für uns ging es danach wieder zum Mude Cave Camp. Im starken Regen zogen wir uns zu den Guides in die warme Hütte zurück, wo wir uns ausruhten, etwas typisch Ugandisches aßen (Poscho, Bohnen und Weisskraut) und am Abend noch eine Einführung in das ugandische Schulsystem bekamen.

Am nächsten Tag stand dann ein Gewaltmarsch auf dem Programm. Bis zur Tutum Cave, wo wir die nächste Nacht verbringen wollten, waren es laut Isaiah 37km, Luftlinie. Das konnte ja was werden. Es war im Nachhinein ein anstrengender Tag gewesen. Zuerst mussten wir erst nochmal bis auf ca. 4000m aufsteigen, danach ging es dann wieder langsam bis auf 2600m runter. Wirklich anstrengend waren die vielen steilen Gegenanstiege, die uns fast zum verzweifeln brachten. Wir durchschritten wieder die anderen Vegetationszonen und waren richtig froh als wir nach 8 Stunden reiner Laufzeit das Camp erreichten. Die Tutum Höhle, unser wunderschöner Übernachtunsort, ist neben einem Paradies für Fledermäuse auch eine heiliger Ort für die Bergbewohner. Tu heißt Ort und tum ist singen, also Ort des Singens. Das macht natürlich Sinn bei so einem guten Resonanzraum wie dieser Grotte. Werden in der Umgebung Zwillinge geboren kommt das ganze Dorf in die Grotte und singt und tanzt und bittet dafür, dass der fruchtbare Schlamm vom Höhlengrund den zweiten (vielleicht im Familienbudget nicht eingeplanten) Zwilling ernährt.

Wir stellten unsere Zelte mitten in der Höhle auf und wurden in der Nacht von den vielen Fledermäusen in den Schlaf geschrien. Wir haben alle erstaunlich gut geschlafen.

Nach einem sehr gemütlichen vierten Wandertag landeten wir am Nachmittag im wirklich paradiesischen „Garden of Eden“, wo wir zwei Nächte blieben, uns unter den höchsten Wasserfall Ugandas stellten (man glaubt gar nicht wie weh das tut) und neue Kräfte für die anschließende Besteigung der Rwenzori-Berge sammelten.

Zum Schluss noch eine kleine Geschichte, die uns Isaiah am letzten Abend erzählt hatte.

Der König und seine Tochter

Es war einmal ein König, der hatte eine wunderschöne Tochter. So schön, dass der König, wie so mancher eifersüchtige Vater in der Geschichte, darauf sann wie er einer Verheiratung derselben entgehen könnte. Als die Tochter schließlich ins heiratsfähige Alter kam ließ der König verkünden, dass er sie mit demjenigen vermählen würde, der es vermöge eine Schale kochend heißes Wasser zu trinken. Daraufhin waren natürlich alle Freier abgeschreckt, niemand wollte einfach so an den Verbrennungen sterben.

Bis eines Tages ein mutiger und gewitzter Bursche daherkam. Er hielt um die Hand der Prinzessin an und so wurde die große Hochzeitsfeierlichkeit vorbereitet. Am Tage der Hochzeit überreichte der König dem Burschen die Schale kochenden Wassers. Dieser setzte sie an die Lippen, nahm sie dann aber wieder ab und sagte zur Prinzessin er werde die Schale kochend heißen Wassers jetzt trinken, und wenn er sterbe solle sie bitte nicht traurig sein. Dann ging er zu den Verwandten, und jeden bat er nicht traurig zu sein, sollte er jetzt sterben. Nach den Verwandten ging er auch zu den geladenen Gästen und wer sonst noch anwesend war. Während diesem ganzen Bitten und Ankündigen war das Wasser natürlich abgekühlt ohne das der König es gemerkt hätte, und der Jüngling leerte die Schale in einem Zug. Daraufhin musste der König ihm seine Tochter zur Frau geben, und die beiden lebten glücklich mit ihren 13 Kindern usw...