Tübingen/Köln, den 29.03.09



Fighting the elements im Bregenzerwald

Gemeinsam mit zwei Freunden aus Köln hatte ich im letzten Jahr die Idee uns in die Alpen aufzumachen und mit möglichst wenig Equipment einige Zeit im direkten Kontakt mit dem Schnee zu verbringen. Wir wollten, wenn es das Gelände und die Umstände zulassen würden, nur in Schneehöhlen bzw. Iglus schlafen und sonst keine Spuren im Schnee zu hinterlassen.

Da Trevor kurzfristig absagen musste machte ich (Felix) mich am 09.02.09 mit Marc von Tübingen aus auf den Weg in die Alpen. Nachdem wir an diesem Tag erst gegen 14 Uhr im Bregenzerwald ankamen, war uns bereits beim Aufbruch klar, dass wie unser erstes Ziel wohl erst im Dunkeln erreichen würden.
Mit 18kg auf dem Rücken und Schneeschuhen an den Füßen machten wir uns dann daran die vielen Höhenmeter zu überwinden. Geplant war am ersten Tag von Au (ca. 850m) bis zur Töbele Alpe (1626m) zu wandern. Da wir uns im Vorraus nicht groß auf die Tour vorbereitet hatten konnten wir uns während der ersten 400-500 Hm an den schweren Rucksack, das Laufen mit den Schneeschuhen und den vielen Schnee gewöhnen.
Als wir nach ca. 2h unser Tagesziel erstmals vor Augen hatten rechneten wir damit, das Ziel relativ zügig erreichen zu können. Allerdings war der Schnee im letzten Teil unseres Aufstiegs so tief, dass wir uns sehr schwer taten voranzukommen. Wir wechselten uns in der Spurarbeit ständig ab, doch mussten wir alle 10-20m keuchend stehen bleiben.
Die Sonne hatte sich zu dieser Zeit schon lange aus dem Tal verabschiedet und wir merkten, dass die Töbele Alpe für uns an diesem Tag nur schwer zu erreichen war.
Bei Einbruch der Dunkelheit entschieden wir uns dafür unser Zelt nicht in unmittelbarer Nähe zur Töbele Alpe aufzubauen, sondern ca. 100 Hm unterhalb.
Im Licht unserer Stirnlampen bauten wir dann eine ebene Plattform in den Schnee, wo wir unser Zelt aufbauen konnten und im Anschluss eine ruhige Nacht verbringen konnten. Der Bau einer Schneehöhle hätte einfach zu lange gedauert und wir konnten es kaum erwarten in unseren warmen Schlafsäcken zu liegen.
Beim Aufbau des Zeltes merkten wir, dass wir die Zeltheringe völlig umsonst mitgenommen hatten. Sie fanden im Schnee einfach keinen Halt. Also vergruben wir alles was wir finden konnten (Schaufeln, Schneeschuhe, Stöcke, etc.) im Schnee und spannten daran unser Zelt.
Endlich im Schlafsack liegend kochten wir dann im Vorzelt unser Abendessen und genossen dabei den Ausblick auf die umliegenden Berge. Zum Abendessen, gab es zwar nur Nudeln mit Tomatensuppe, aber für uns war es nach den Anstrengungen des Tages ein absolutes Festmahl.


Am nächsten Morgen wurden wir durch ein regelmäßiges Tropfen geweckt. Da wir am Abend vergessen hatten den Schlitz zwischen Außen- und Innenzelt mit Schnee zu verschließen hatte uns während der Nacht der Wind Schnee auf unser Innenzelt geblasen. Dort schmolz der Schnee und tropfte uns unangenehm auf unsere Schlafsäcke.
Ein Grund für uns, das Zelt nach einem kurzen Frühstück schnell zu verlassen und aufzubrechen. Nach dem Abbau entschieden wir uns, den geplanten Weg nicht zu gehen, da es noch einmal zunehmend steiler wurde und im Schatten des Zitterklapfens zu viel lockerer Schnee lag, der unser Vorankommen zu einer Qual hätte werden lassen.
Wir entschlossen uns also dafür, den gleichen Weg, den wir am Vortag gekommen waren, zurückzugehen und unser Glück am etwas niedrigeren Brendler Lug (1762m) zu versuchen.
Also nahmen wir unsere Spuren vom Vortag wieder auf, und absolvierten die Strecke hinab in einem Bruchteil der Zeit des Aufstieges. Felix, seinerseits erfahren im Bergsport und mit einer umfangreichen Kenntnis der umliegende Berge ausgestattet, übernahm an dem Tag vorwiegend die Führung. Und obwohl man doch denken sollte, dass man als Student der Sportwissenschaften einigermaßen fit sein sollte, wurden mir (Marc) nach ca. drei Stunden und mit Sicht auf den Lug-Gipfel meine Grenzen aufgezeigt. Ein kleiner Mittagssnack, bestehend aus Pumpernickel, Müsliriegel, Wurst und Käse sorgte für eine schnelle Revitalisierung. Es ist einfach ein wunderbares Gefühl, fernab der Zivilisation, inmitten einer wunderschönen verschneiten Natur, auf seinem Rucksack zu sitzen und die Ruhe zu genießen. In solchen Momenten wird einem klar, wie selbstverständlich wir im täglichen Leben auf diesen Luxus verzichten, und wie erholsam es doch sein kann, für wenige Augenblicke sämtliche verbale Kommunikation einzustellen. Der erste Tag lag uns beiden in den Knochen, doch frisch gestärkt, mit gegenseitiger Motivation und zugegebenermaßen häufigen Verschnaufpausen, erreichten wir schlussendlich glücklich und erschöpft den Gipfel. 


Ein erhabenes Gefühl des Triumphes ließ den brennenden Schmerz in den Oberschenkel schnell vergessen und angetrieben von einem kühlen Wind setzten wir nach wenigen Augenblicken über die umliegenden Täler unseren Weg fort. Dieser führte uns entlang des Bergrückens auf der anderen Seite wenige Höhenmeter hinab, bis wir schließlich, ca. 100 Hm unterhalb des Hanges eine Hütte erblickten, die uns interessant genug erschien, dort ein Lager aufzuschlagen.
Wir ließen uns den Spaß nicht nehmen den direkten Weg steil bergab zu wählen, und rannten den tief verschneiten Bergrücken hinunter. Eine einfache Holzbank, wie man sie häufig an diesen Bauernhütten vorfindet, lud uns still zu einer Pause in der Sonne ein. Dankend nahmen wir das Angebot an. Windgeschützt hinter einer Schneeverwehung ließen wir ohne zu reden, die warmen Strahlen der Sonne genießend und der Musik des Windes lauschend eine Weile vergehen. Als wir nach einiger Zeit aus dieser wunderbaren Lethargie erwachten, beschlossen wir an dieser Hütte unser Basislager aufzuschlagen. Die Idee, den Abstand zwischen Hütte und Schneeverwehung zu vergrößern, um dazwischen unser Zelt aufstellen zu können, wurde von unserem Abenteuergeist schnell als zu langweilig verworfen.
Stattdessen wartete Felix mit dem Einfall auf, eine Schneehöhle in eben diese Verwehung zu graben. Für Pläne schmieden war keine Zeit. Selbst ist der Mann, also nicht lange reden, ran an die Arbeit.


Der Tag war nicht mehr der Jüngste und unser Ziel war unausgesprochen beiden klar: die nächsten Nächte wird auf das Zelt verzichtet. Spatenhieb um Spatenhieb förderten wir eine gewaltige Schneemenge aus der ca. 1,50m hohen Verwehung. Wir kamen schnell voran und wechselten uns bei Zeiten ab. Während der eine unsere Suite aushob, bereitete der andere eine windgeschützte Kochstelle vor, denn mit größer werdender Freude und nicht kleinerem Hunger erwarteten wir wieder die abendliche warme Mahlzeit. Ein glücklicher Zufall ließ uns dann auch noch den Schlüssel zur Hütte entdecken, was die Kochstelle zu einer Notlösung werden ließ. Wir nutzen den günstigen Umstand, um in der Hütte unsere Kleidung und Ausrüstung zu trocknen, sowie beim Schein unserer Camping LED Solar Leuchte unser zweites Galadinner zu genießen, bestehend aus Kuskus mit Käsekräutersoße. Ein Gaumenschmaus der wieder seinesgleichen suchte. Zum ersten Mal fiel uns auf, dass der letzte Brunnen, an dem wir unsere Wasserflaschen füllen konnten, schon lange hinter uns lag und unsere Reserven mit diesem Essen und der Flasche Pfefferminztee, die auf keinen Fall fehlen durfte, erschöpft waren. Damit war der Auftrag für den nächsten Tag klar: wir mussten eine Quelle finden. Eine Zeit lang kann man durchaus mit Schnee kochen, allerdings enthält dieser nur wenige Mineralien und entzieht dem Körper Kraft.
Mit diesen Plänen zogen wir uns in unsere „Villa Trevor“ zurück, benannt nach dem dritten Mann, der aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei sein konnte. Herrlich ist das Gefühl in einer eigens errichteten Schneehöhle zu liegen, erschlagen vom Tag und den Bauch mit einer warmen Mahlzeit gefüllt. Nach kurzer Zeit sackten wir beide in einen verdienten, tiefen Schlaf. Aber auch diese Nachtruhe wurde von einem uns bereits bekannten Geräusch gestört. „Steter Tropfen höhlt den Stein!“ sagt der Volksmund.
Wir wollen an dieser Stelle das volksmündliche Repertoire um ein Sprichwort erweitern: „Steter Tropfen macht dich nass, und regt dich auf, und raubt dir den Schlaf, und lässt dich zu unchristlichen Zeiten viel zu früh die Nacht beenden!“ Unsere architektonischen Künste waren also noch ausbaufähig, ähnlich wie das Gewölbe unserer Höhle, das zu diesem Zeitpunkt eben noch keines war. Die Nacht war mit 4° Celsius recht warm gewesen, sodass unser Atem an Zacken in der Höhlendecke kondensierte und in Form von flüssigem Wasser, den Weg zu uns zurückfand. Somit hatten wir ironischer Weise, neben der Suche nach Wasser, einen zweiten Auftrag für den gerade anbrechenden Tag. Wir mussten ein sauberes Gewölbe in die Decke ziehen, damit sich bildendes Kondenswasser zu den Seiten abgelenkt wird.


Der Tag versprach schönes Wetter und unsere Laune hätte besser nicht sein können, und so machten wir uns an Tag 3 daran, Wasser zu suchen und unseren Unterschlupf zu verbessern. Expeditionen zu in der Karte eingezeichneten Flüssen blieben ergebnislos. Die Bäche und Flüsse führten kein Wasser bzw. waren tief verschneit. Um diesen kleinen Rückschlag besser verkraften zu können, musste eine Aufmunterung her. Und diese fand sich recht schnell. Wir missbrauchten eine Schneeschippe als Schlitten und präparierten damit den Hang, der zu unserem Lager hinunter führte, indem wir auf ihr sitzend abwechselnd den Hang hinunter gerutscht sind. Immer und immer wieder, bis sich schließlich vom Hochstapfen Treppenstufen im Schnee und vom Rodeln eine Schneerinne bildeten, was den Weg nach unten immer weiter beschleunigte.
Eine riesen Gaudi und eine nette Abwechslung zur Wassersuche. Das Rodeln sollte dann sogar zum Erfolg bei der Wassersuche erheblich beitragen. Denn bergab blickend, fiel Felix eine Nase im Schnee auf, die sich vielleicht 20m vor unserer Hütte befand, da wo man im Sommer den Weg erwartet hätte.
Also machten wir uns daran, an dieser Stelle in die Tiefe zu graben, da wir dort einen Brunnen vermuteten, die hier oben alle die Form einer Viehtränke haben. Nach ca. einem Meter stießen wir mit unseren Spaten auf Eis. Wir legten die Rinne soweit frei bis wir ans Ende kamen, und schafften es die obere Eisschicht zu lösen und darunter fanden wir das ersehnte flüssige Nass. Endlich konnten wir unseren Durst stillen und mit jedem Schluck dieses eiskalten Wassers kehrte die Kraft in unsere Glieder zurück. Jetzt noch zügig das Gewölbe in die Höhle ziehen, eine Runde Gummibärchenraten spielen und danach war auch schon fast wieder Abendessenszeit. Ein weiterer spannender und lustiger Tag neigte sich so seinem Ende entgegen.
Nach einer Runde „Mau Mau“ machten wir uns wieder auf in unsere Schlafsäcke und schliefen auch bald ein.


Am vierten und vorletzten Tag zeichnete sich schon früh schlechteres Wetter ab. Die Sonne versteckte ihr Antlitz hinter einer dichten Wolkendecke und es wurde zunehmend nebliger.
Bei diesen unschönen Wetterbedingungen musste nach einem kurzen Frühstück schnell eine neue Beschäftigung her. Zu Beginn unserer Reise hatten wir uns vorgenommen ein Iglu zu bauen und dieses Vorhaben sollte nun in die Tat umgesetzt werden. Was für eine schweißtreibende Angelegenheit das ist wurde uns nach kurzer Zeit klar. Felix wurde zum Bauherrn ernannt und ich war derjenige, der für die nötigen Schneeblöcke zu sorgen hatte. So waren die Aufträge klar verteilt und wir machten uns an die Arbeit. Da man für den Bau eines Iglus gut gepresste Schneeblöcke braucht, riss ich das Dach unserer Schneehöhle ein, um in den bereits freigelegten tieferen Schichten unserer Behausung, nun die passenden Blöcke herausheben zu können. Felix zirkelte derweil unweit der Hütte, mithilfe seiner Schneestöcke einen nahezu perfekten Kreis in den Schnee, welcher Grundvoraussetzung für das Fundament eines klassischen Iglus ist und ohne den das Vorhaben von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre. Also setze Felix mit akribischer Präzision Schneeblock um Schneeblock aufeinander und als ich mit schmerzendem Rücken aus meinem Tagebau aufblickte, um nach dem Fortschritt zu sehen, wurde mir mit einem Schrecken klar, dass wir erst gerade eine Runde geschafft hatten. Mein Rücken behauptete hingegen, schon Blöcke für ein ganzes Iglu-Dorf gehoben zu haben. Alles Jammern half nichts, mehr Blöcke mussten her. Zu dem Faktor der nachlassenden Kraft gesellte sich ein weiterer Feind unseres Vorhabens: nämlich die begrenzte Zeit des Tages. Nach sage und schreibe 6 Stunden harter und konzentrierter Arbeit wurde es langsam aber sicher dunkel und das Iglu war noch immer nicht fertig. Schätzungsweise weitere zwei Stunden wären nötig gewesen und auch das Setzen der Steine will gekonnt sein. Also brachen wir unser Bauprojekt ab, erschöpft und doch zufrieden, dass wir es versucht hatten. Und eines hat es sicher genutzt, denn der schäbige Tag, mit zeitweiser Sicht unter 5m, war wie im Zeitraffer vergangen. Das letzte Abendmahl stand uns bevor, da wir am nächsten Morgen früh losziehen wollten um wieder nach Au zurückzukehren.
Unsere letzte Nacht des Abenteuers verbrachten wir in der Hütte und es sollte mit Abstand die ungemütlichste und kälteste werden. Ich hatte aufgrund einer schlechten Isomatte sowieso schon blaue Flecken vom Liegen und jetzt zog zudem noch ein eisiger Wind durch die Planken der Hütte.

Gefrorene Schuhe begrüßten uns am nächsten Morgen und aus anstrengenden, erlebnisreichen und spannenden Tagen erwuchs nun die Lust heimzukehren. Die Vorräte waren aufgebraucht und die Rucksäcke somit deutlich leichter. Das machte den Abstieg recht angenehm. Außerdem kamen wir zügig voran, weil wir streckenweise nicht den Serpentinen folgten, sondern direkt steil bergab stiegen. So sparten wir einige Meter, und hatten trotz zahlreicher Stürze und Überschläge nochmal eine Menge Spaß beim Abstieg. Je tiefer wir kamen, desto zahlreicher wurden auch wieder die Brunnen, die Wasser führten. Nach kurzer Orientierungslosigkeit in einem „Geisterdorf“, wie wir es getauft haben (einer Anordnung von vielleicht zwanzig Hütten, die die Gestalt eines Dorfes annahmen, aber nur in den schneefreien Zeiten von Bauern bewohnt werden), trafen wir nach wenigen Stunden des Abstiegs und bei starkem Schneefall, auf die erste Straße nach knapp einer Woche, welche uns zurück nach Au führte.


Marc:

Trotz vieler Entbehrungen haben wir im Kampf mit den Elementen doch einiges dazugewonnen. Nicht zuletzt das Wissen, auch mal Ruhe und Abgeschiedenheit (wieder) wertschätzen zu können, das Gefühl zu genießen, eine Zeit lang mal nicht erreichbar zu sein, die Stunden eines Tages sinnvoll zu nutzen und mit dem Ergebnis am Ende des Tages zufrieden sein zu können, das befriedigende Gefühl etwas geschafft zu haben. Auch wenn es sehr anstrengende Tage im Schnee waren, ich würde es jederzeit wiederholen.
An dieser Stelle möchte ich dem geheimen Leiter dieser Tour, meinen Dank aussprechen, da nicht zuletzt seine Vorkenntnisse, diese Tour erst ermöglicht haben.
Danke Felix für unvergessliche Tage bei „Fighting the elements“.


Wir hoffen Ihr hattet Spaß beim Lesen.

Bis zur nächsten Tour,

Marc und Felix